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Gedichte aus »Sternenfinsternis«

Proklamation

Ich schreibe
ganz in Euren Rauch gehüllt,
den Mund voll
totgemachten Fleisches Wehgeschmack
und Duft von fehlvergoßnem Blut,
mein Herz ein Essigschwamm,
mein Leib als Fraß,
die Seele ewig aussortiert,
das Tier mit Sonderzeitgeruch:
So lebe ich und lebe mich,
für Euch und heute eingesetzt
durch meine Schrift als:
Ich: Der toten Juden König,
klagend ein ihr totes Recht
an meinem Hof,
an meinem armen Tisch,
des Nachts an meiner Lagerstatt:
Und vor der Welt.

Ein guter König liebt sein Volk.
Ein guter König sucht sein totes Lamm.
Ein guter König kennt die Welt,
aus der sein Reich,
erfüllt die Schrift:
Und schreibt sich hin.

  

Whiskystunde

Kommt, Ihr Mörder,
setzt Euch nieder;
kommt, Ihr Opfer,
helft mir klagen;
kommet beide,
Haupt mir, Wunde;
kommet zahlreich,
werdet Male –

Kommt und bleibet,
nächtlich wehet;
kommt, entwehet
mir die Bleibe;
kommt zum Geiste,
haucht mich reden;
kommt, mich treibet
reden wehe –

Komm ich Mörder,
komm ich Opfer,
komm, Euch Zunge,
opfernd Morde,
komm, zu opfern,
selbst mich mordend,
bis ich komm als
Geist und bleibe:

Setze nieder
mich zu Euch.

 

Wagen unbekannt, Platz anonym

Ein Mensch im Zug.
Es gibt ihn draußen nicht.
Die Landschaft weggeschlossen,
wie ein Brett das Land.
Und drinnen nichts zu lesen
außer schwarzem Licht.
Das Leben dreht sich
untern Rädern weg.
Die Schwellenangst vorm Tod.
Es möchte niemand mehr
sein Sterben sehn.
Schon morgen wird er dies
schon nicht mehr denken,
morgen fährt ein andrer Zug
und wirbelt Asche auf.
Kein Mensch im Zug.
Nur Angst.

Vielleicht hat er sie eingeritzt
ins Brett.

 

Con fuoco

Rabbi von Oswiecim,
singe, ich lüge,
so sing doch, ich
leihe Dir Stimmen,
leih viele, nur vier,
für die Bohlen,
die sauberen Kacheln
und stoppligen Bärte
der Brachen,
die rauchigen Steine
vor Birken am Abend:
Dich teilen und
stimmen die vier:
Laß mich brennen
zum Tor, mich entzünden,
ich lüge, die Urnen,
mich brennen zu
Köpfen und Hälsen:
Sing Beethoven,
singe ein spätes
Quartett,
jedes Omega Tag:
Nie gehört,
doch geschrieben:
Sing lautlos –
als könnte
der Geist einmal
folgenlos
spielen.

 

Sonderchoral

den Sonderkommandos

Stapelt Leichen, Gott’s vergeude,
obendrauf brennt Judas Kind/
Jesus bleibet meine Freude/
Feuer mit dem Haar beginnt.

Jubelzunge nimmt die Glieder/
Meines Herzens Trost und Saft/
denn das Fett zerrinnet wieder,
sprutzelnd wird es weggeschafft.

Daß sich keins an Haut mehr weide,
ausgetilgt noch tiefste Scham/
Jesus wehret allem Leide/
was gebar, wird nie mehr Gram.

Leblos krümmt sich, Abschied winkend/
Er ist meines Lebens Kraft/
Mordsgebein, schon süßlich stinkend,
steigt zum Himmel, niemand gafft.

Glüht ein Kopf in Feuers Tonne,
zaubern Augen blaues Licht/
Meiner Augen Lust und Sonne/
schaut doch hin, es sieht uns nicht.

Neigt sich nun der Flamme Sonne,
jeder Bauch ist aufgezehrt/
Meiner Seele Schatz und Wonne/
Kegels Kind wird ausgekehrt.

Zwanzig heiße Zehrminuten/
Darum laß ich Jesum nicht/
Leib und Seele solln sich sputen,
Liebesbrand verfliegt bei Licht.

Aus dem Herzen, aus den Sinnen/
Aus dem Herzen und Gesicht/
Gott, wie muß ich erst zerrinnen,
heiz mir ein, ich brenn doch nicht.

 

Chaconne

am Grabe Walthers von der Vogelweide

Es weint mein Wort,
und meine Seele segelt fort
auf seinem bittren Klagenkamm.
Gedanke hockt so schwer
und kauert sich wie rückgerollt
auf seinen Kummerstein.
Vergebens reist er all den
Schandsekunden nach,
in denen ich mit Worten
wie mit Steinen warf
und traf das blaue Sonnenlicht.
Nichts heilt der Worte Lauf
aus einem Stein voll Himmelsblut –
nur vollgeschriebne Blätter schieben sich
vors nackte Licht.

Noch sonnenfinster schreibt
das graue Grab am Traum.

Denn alles, alles wird vergehen,
Tag für Tag wird rückgezählt,
und Liebe wird’s wie Schuld ergehen,
alles wird dem Nichts vermählt,

davor mein Wort.

 

Treblinka

Selbst die Stätte verschwunden.
Erfüllt war ihr Zweck:
Nur Verschwinden zu sein.

Von den Neunhunderttausend
geblieben die Null:
Unauslöschliches Nichts.

Bleiben Frauenhaarsträume,
zerbißnes Geschlecht:
Und Geruch wie von Hirn.

Wenn ich, Silben, Euch zähle,
dann steht jede ein:
Für Zwölftausend, kein Rest.

 

Wie klingt ein Menschenleib?

Die schwarze Symphonie von Esterwegen,
himmelsgraue Elegie im Herz Thereses, drin
die schnellen Bluttoccaten Flossenbürg und Stutthof,
langes Brückenlied aus Frauenhaar von Ravensbrück,
reicht hin, umfängt die Todesrhapsodie von Dachau,
Todes Schlußterzett Treblinka, Sobibor und Belzec trunken,
Tones Schwund, das dunkle Lied aus Chelmno,
abwärts führt der schwarzen Tasten Irrsinnslauf Majdanek,
Sachsenhausen, gellt die grelle Ouvertüre,
endlos schweigt, die Bühne Rampe, alles nur Emporenplätze,
ewig schweigt an Himmels Grabplatz, leerem Saal schweigt
Hölle vor das Requiem der Engelschöre, Cherubs Auschwitz,
Mordens dumpfe Pastorale Neuengamme,
Sumpfchor, der im Schlamm versinkt von matten Noten,
abgeschnittnes Haar schon tief im Hals, so mühsam
psalmodiert der Zug aus Westerbork,
und immer fallen Locken rabenschwarz in jedes Vorspiel ein:

Den Unvollendeten Tribut zollt laut der Bänkelsang Mauthausens,
Dora-Mittelbau, Adagio zwischen Abgehacktem,
Tunnel, deren Gang Musik verrät, die drinnen sungen,
Buchenwald ein Cello-Dom, in Nacht gefallen,
Todesmarsch zieht ein aus Bergen-Belsen, quälend lange,
bis, längst morsch, die kleine Waldkapelle einfach stirbt,
durchquert mich hart, zu spät, bricht ab,
der Mordstrompetenstoß der Cap Arkona,
Typhustöne, Fleckgesänge, fieberheiße Siechenstimmen
summen sich zum Schlußchor auf, mein Ohr
setzt langsam seine Muschel ab, sich nieder,
hockt sich hin zum Abgesang der kleinen Lager, großen Tode,
hin zu letzten Tropfen, stillgeheimen Sondernoten,
ausgequetscht zu Tintenclustern, schrill gedehnt
durch Langzeitfoltern, bis die Saite menschlich quietscht,
dazu ein Deutscher Tanz Musik:

Wie schaff ich’s nur, im schwarzen Rauch
Dein Brüsteweiß zu musizieren
aus der Schrift?   

 

Das himmlische Blut

des neuen und ältesten Bunds Testament

Daß nichts aber, Brüder und Schwestern,
mehr Macht habe über uns Seelen als
Liebe allein, die wir selber und werden,
drum lasset uns beten:

Daß heute für immer
aus allen Millionen, die fehlen,
den vielen aus unserer Mitte auf ewig
verschwundenen Seelen uns werden
Legionen von Engeln, und jedem von uns
diese Schar;
daß sie hüten und, über uns fliegend,
für immer behüten, was wir, unser armes,
vom ewigen Schwund so geschändetes Volk;
daß mit Liebe vergolten uns werde
der Auszug der Liebe aus unseren
jungen und ältesten Herzen,
sie einfliegt als Gnadengeschenk,
und uns aufhilft von unseren Knien,
als hätten wir immer sie ihnen, und jemals,
gebeugt;
daß Legionen von friedlichsten Flügeln
uns decken die Augen, als ob wir geschaut,
und mit Federn uns stützen die Lider,
auf daß wir ertragen das Strahlen
des ewigen Lands,
und ersehnen Gemeinschaft mit ihnen
im heiligen Geist aus der Wunde
in uns;
daß wir reden mit ihren, an uns nun
verliehenen Zungen, und ablegen Zeugnis
von unsrem Verhängnis und endlich
von ihnen in Gnade empfangner Erlösung:

So sprechen wir Amen
im Lichte des neuen und ewigen Bunds:
Also komme von neuem ihr Blut über uns,
unsre Kinder in allen Geschlechtern,
nun kommend aus Adern von Engeln,
zu nähren der Liebe unendlichen Durst,
unser wachsendes Kind, wie es ausstreckt
die Hand.

 

Lebenstraum

Mein Palast steht inmitten des
Bürgerkriegsfelds, mir versammelt
hier alles, was wesentlich heilig,
Musik aus des Abendlands
traumeserinnerter Inbrunst, was
schönheitsbesessene Hände, den
Globus umfassend, geschnitzt und,
entrissen der Blindheit, gemalt, und
die weisheitsbegeisterten Bücher,
vom Geiste der Wahrheit entquältes,
nun zollfrei verschiffbares Schriftgut
aus jeglichen Ländern der Sonne,
vergessenen selbst und verbrannten, –
all solches, Symbole bekämpfbaren
Reichtums, versengbar nur außen,
in oberen Schichten, wär mit mir,
gelitten als Mahnung, prophetisches
Einst, wenn zur Nacht durch vergitterte
Fenster mir draußen schon flackert der
Schwelbrand, aus Menschen gefacht,
frisch geschichtet zum Turm, welcher
morgen schon niemals mehr spricht.

Täglich ginge ich aus, wäre Arzt
und ein schlichtender Helfer im Feld,
wie des abends empfangend im Haus,
das sie lassen, da dort einer wohne,
den griffe man besser nicht an.

 

Pilgerfahrt zum Permafrost

Der kalte Weg nach Norden.
Mein Verstand Erinnernsfrost,
der jeden Kindheitstraum
auf Treck erwischt und Flucht.
Die warmen Farben warten ab,
bis meine kargen, kalten Zellen
halb erfroren schon bei
meinen Menschentierversuchen,
ob Erstarren Wissen heißt,
bis Winter heizt im Angesicht.
Denn in Polarnacht liegt mein Herz,
auf Monate ans Eis gekettet:
‚Solcher bist, liebst wie Kristall,
das vor der Scheibe geht –
Du hättest mitgetan,
und wärst ein gutes Leichentuch,
Dein Boden gäbe hart nichts her.’
Ich schneide mich mit Eis.

Dann mag der Sommer kommen,
der sich traut.

 

Phantombild des Winters, Atom

Offenbarung 6,1-2; das weiße Pferd des Krieges

Gefieder von tausenden Seelen,
herabstürzend formt es den Vorhang,
dahinter der Engel sich auszieht,
zu fassen den Schnee im Gewand.
Wenn er ablegt die Flügel und spreitet,
dann donnern schon Daunen ins Kindbett,
darinnen ein Wohliges auffährt,
fällt winternd die Mutter wie Brand.

Bleibt die bloße Gestalt eines Engels,
sein Eisbild der Pläne und Schwärme,
wenn fallen der Vorhang aufs Land.

 

Zum Engel Namenlos

Offenbarung 6, 5-6; das schwarze Pferd des Hungers

Gegrüßet gewährst Du mir Asche,
vom Flügel Dir perlende Asche,
gewährst Du uns schwärenden Wundbrand,
gegrüßet den Aussatz im Nachtland,
bist englischer Gruß für die Stunde,
wann Lieb sich und Tod uns erkunden,
Dein Kiel sich mir eintaucht ins Spätherz,
millionenfach fruchtbar voll Schmerz:

Der Du fürsprichst, selbst glühend geschändet,
vor Lager und Thron Dich verwendest,
daß wiege wie Reue, was perlt.

 

 

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