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Kassandra

Das Brot des Tages einzutunken fällt ihr schwer.
Sie liest verbrannte Dichter und erspürt im Rauch die Schrift.
Des Lächelns Zuversicht scheint ihr in Nacht getaucht.
Sie weiß am Abend haargenau, wie sehr sich Blindheit blind vermehrt.
Der dummen Köpfe Schar zählt sie seit Kindertagen nicht.
Sie warnt den Klugen nur mit Blicken vor Gefahr.
Für die Betörten betet sie, sagt den Verstörten wahr.
Sie ahnt, dass sie an ihrem letzten Lebenstag das Volk noch stört.
Nicht wecken soll ihr leiser Schritt zu Füßen den Vulkan.
Sie schlägt tagtäglich Wege frei, den alten Pfad ums Unglückstal.
Wenn sich die Masse sammelt, wird sie starr.
Sie wäscht ihr Haar im Quell der Einsamkeit.
Im Spott der Welt verflucht sie ihrer Gabe Kraft.
Sie klettert stets bis auf der Zinne Rand.
Vorm Gott des Zweifels brennt ihr Öllicht Tag und Nacht.
Sie kennt ihr Herz und traut ihm darum nur im Schmerz.
Ein Freudensprung geläng‘ ihr erst, wenn sie sich irrt.
Sie möchte fliehen, doch es trifft sie jedes Mal der Blitz.
Den Tod zu künden, ist sie leid.
Sie träumt vom Tag der Heiserkeit.
Bei jeder Warnung trauert sie sich schwarz.
Sie liebt die Welt, sich selber Last.
Wer ihr von Fortschritt spricht, dem schließt ihr Kuss den Mund.
Sie schaut dich wie ihr Schicksal an.
Was steigt aus deinem Bauch heraus?
Sie lockert nicht den Blick.

In den Tagen der Plage

Geh hin und erbitte Vergebung, verzeihe,
der Tod kommst jetzt rascher und bleibt über Nacht.

Schau nach, ob dein Nachlass die Seelen bereichert,
was Liebe dir schenkte, schenk liebend ins Land.

Setz trauernd dich nieder und grüble mit Hiob:
Denn Gott gab auch Freiheit, zu rechten mit Gott.

Bereise im Geiste den Kreis deiner Liebsten,
spür täglich erspähend, wer deiner bedarf.

Lass leuchten dein Auge in jede Pupille,
dem Tode entgegen lass blitzen dein Licht.

Geh aufrecht, mit Mut, sei ein großer Erbarmer,
durch Wände geht Liebe, was braucht sie die Tür!

Schärf Sinne und Seele, ein Forscher und Frager,
als kämst du zur Welt und verließest sie gleich.

Erweitre dein Herz, wenn die Toten dich fluten,
hast Kammern so viele, wie Liebe du hast.

Verschweige dein Zweifeln, sprich tröstend den Zweiflern,
still einsam dein Dürsten am nächtlichen Kelch.

Reich hin deinen Odem und atme für Völker,
verschwende dich reich, dass dir reiche die Zeit.

Kein Ende in Sicht

im Lockdown

Inmitten der Sintflut des Leids: eine Arche, ein ruhendes Haus
unter gleitenden Wolken, verankert inmitten von Blumen und
knospenden Düften, sich klammernd ins Gras. Eine seltsame
Arche: Sie dümpelt, liegt fest auf den Metern des heimischen
Meers, seinen grünlichen Wogen, doch schau ich hinauf in den
Himmel, dann gleitet sie hin über Wolken und endloses Blau.
Und kein Zauberer heischt sie, den Haken im Erdreich zu lösen,
als käme ein Hügel, am Hang einer Steigung ein Araratsplatz.
Alles eben, man kann sich hier ducken und denken, es zöge die
Wand des Tsunamis woanders vorbei, brächen Tote nicht ein,
wo die Vögel sich paarend besingen, bevölkernd die Reling,
das schirmende Dach. Sind sie Philemon, Baucis, die beiden
Bewohner, statt Noah und Haikal, sind alternd ein Paar, das im
Geiste bloß Gäste bewirtet, die göttlichen Freunde, wo ringsum
die Erde versinkt? Und was könnten sie tun, die einst rauschen
als Eiche und Linde im Takt, wenn zwar Tauben sanft gurren,
der Ölzweig doch fehlt? Denn sie lüden ja ein auf die Arche samt
Kegel und Kind, doch ein jeder nimmt einzig sich selber jetzt mit:
und mit Glück, wurde zeitig gezimmert und wehrte kein Sturm,
jene andre umschlungene Hand. Zwitschern Vögel im Garten,
dann liegt sie in Eden, die Arche – verstummt wie am Grab ihr
Gesang, will man gleich die Gefiederten senden, ob einer brächt‘
Strophen wie Briefe von fern.

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ZAUBERWELT
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