Aktuelle Seite: HomeGedichteGedichte 2019

Randexistenz

Villa Jovis auf Capri,
Residenz des Tiberius
am Felsrand über dem Meer

Auf der Klippe das Nest: Dialoge vorm Sprung. Sieh
das schaudernde Pack, wie es zaudert, kein Mensch
wiche weiter zurück als die schlichte Sandale zum
Rand. Vor dem Flug noch ein letztes Gespräch: Wir
verstünden uns gut. Sich zur Freiheit gesellend das harte
Gesetz allen Falls: Unser Geist wie im ständigen Flug.
Souverän stürzten beide ins blaue Geheimnis am Grund.
Endlich Herrscher des Golfs, wo uns keiner mehr findet,
im Meer: Hör die Pinien rauschen, den Beifall der Menge
des Grüns. Jeden Tag nur den Fuß einmal heben, dann
sachte zurück in die Arme des Winds, und beim Wein
leise schwanken, doch niemals vor Furcht. Auf dem Ende
zu hausen, hat keiner zuvor je gewagt. Längst verweht
alles Schmähen von unten, die Angst von Verbrechern
bestimme die Lage vom Horst. Nur die Demut, mein
Lieber, und kleine Partikel von Stolz. Sich der Meute
zu stellen als Krönung, den Tod vor den Augen, und
nachts dann den Abgrund ertragen der Seele im Wahn.

Stilleben

Timbuktu, Mali, 2013

Fort, die Miliz einfach fort.
Wie die Horden des Sandsturms
vorbei. Nur noch Blech auf den
Straßen, ein Laster, defekt.
Amputiert aller Sinn. Ein Kadaver,
vier Pfoten, da läuft keiner hin.
In den Lefzen das Leck. Quellen
Seelen, Gedärm vor der Scham.
In die Bisse gestopft blauer Stoff.
Aller Freude fehlt Zunge und Grund.
Minarette mit Ästen, dran hängt man
in Windeln den lehmschweren Traum.
Wie ein Reifen rollt weiter der Tag
in der einzigen Hand eines Diebs.
Wer malt seitenlang Asche ins Buch,
hat die feurigen Zeilen im Kopf?
Schreibt ein Weiser mit Kot
kalligraphisch sein letztes Gebet.
Daß Gebrumm ihn nicht stört,
sind selbst Fliegen verstummt –
pantomimisch ihr Tanz und obszön.
Reißt ein andrer sich Haare vom Kopf
für das endlose Kratzen in Sand.
Im Gedünst für die Schwärenden
fünf Mal ein Ruf. Doch es folgt nur
zerschossen ein Hund.

Breaking News

New World. Heute früh hat ein Sprecher im Namen von etlichen Staaten  
erneut deren tiefste Besorgnis bezüglich der zahlreichen Flüchtlingsberichte
aus Deutschland zum Ausdruck gebracht. Diese Zeugnisse seien als glaubhaft
zu werten und stammten aus guten, verlässlichen Quellen. Er könne versichern,
zur Sicherheit aller bestünde ein reger Kontakt zur amtierenden deutschen
Regierung. Ein Krisenstab tage. Nicht hinnehmbar seien Pogrome, Verfolgung
und Mord, man verurteile jeglichen Ausbruch von staatlich gelenkter Gewalt.
Noch geprüft würden erste Gerüchte von Tötungsprogrammen in Lagern und
Massenvernichtung durch Gas. Sollten solche Verbrechen tatsächlich von
höherer Stelle gedeckt sein, dann müsste darüber ein Gipfel beraten. Der Papst
appelliere an alle, es sei endlich Zeit für ein großes Gebet. Wie der Sprecher
noch weiter bekannt gab, sei einzelnen Stimmen zufolge die Bildung von
Kleinkontingenten Verfolgter zum Weitertransport in gesicherte Zonen in
näherer Planung, doch hätten die Deutschen bisher allen Juden trotz dringender
Bitten von mehreren Seiten die Ausreise ständig versagt. Niemand sehe zum
jetzigen Zeitpunkt im Einsatz bewaffneter Kräfte die beste Option. Rote Linien
gebe es wirklich genug. Alle weiteren Informationen in Kürze. Im Anschluss
folgt gleich noch ein Brennpunkt. Das Wetter.

Das Klavier singt sein letztes Larghetto

Mozart, Klavierkonzert KV 595

Sich zaubert rasch ein Thema her, nicht kompliziert, nur
ein paar Töne, minimal bewegt. Ein Kind, jahrtausendfach
gealtert, grüßt die Schönheit dieser Welt. Dann hebt aus
seinem Urgrund hell ein Staunen sacht zu singen an, voll
Unschuld tönt sein Grabgesang, und androgyn mischt seine
Stimme Freude, Schmerz und Leid, wie das so ungeschützt
nur unverletzt die Seele kann. Kommt sicher an. Die Welt
lauscht tief erschreckt, weint aufgestaut ihr ganzes Meer,
und wickelt sich ins Leichentuch. Das Kind singt sich zur
Sonne hoch, doch stürzt nicht ab. Ganz leicht sind seine
Flügel nur versengt. Das klingt so schön, als wär‘ dies Weh
seit je Bestandteil seines Spiels. Bevor es geht, verrät es noch,
wie man als Kind einst aufersteht. Vor dieser Schönheit des
Gesangs weicht jede Gottheit, bebend wie ein Greis, zurück
und schüttet alle Pläne aus, verschiebt das Weltgericht und
starrt. Und niemals ist die Welt, in keines Umlaufs Schwung,
gefallenen aus dem vorbestimmten Takt. Es krümmten sich
nur Raum und Zeit in ihrem Bogenlauf, den dieses Kind
in seinem Spieltrieb gleich erahnt. Noch ein paar Töne,
leicht getupft, und seine Finger schlafen ein. Es sang sein
Wiegenlied für uns, dies Kind, und noch hat seine kalte Hand
ergriffen nicht die Welt. Komm, lieber Mai, und mache.

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Neu erschienen im Athena-Verlag ein Bändchen mit 32 Gedichten und einem Essay zu Beethovens Klaviersonaten:

ZAUBERWELT
Eine lyrische Begegnung mit Beethovens Klaviersonaten
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