Aktuelle Seite: HomeGedichteFrühere GedichteGedichte aus »Arena«

Gedichte aus »Arena«

19. Tag

 

42 Tage Trauer Naherwartung

Ans Ende einer Liebe gehn,
hinaus auf einen Gottesacker,
Furchen kreuzend, furchtsam
streifen. Tief in Urnen schrein,
drin, ausgeliebt, der Seele
Gräberfeld und Schatz. Zur
Geisterstund drauf Flackertanz
und Zornesglühn. Sibylla rufen,
‚Solvet saeclum’, murmelt’s mottig,
‚in favilla’ schüppend Rauhreif,
stäubt sich, schleicht im Aschentritt
auf Schutt.


solvet saeclum in favilla… - (lat.), aus der ‚Dies irae’-Sequenz: Löst in glühend Asche das Jahrhundert.


Naherwartung   

Ein Tag, schon am Morgen ergraut.
Lockt kein Himmel ihn hoch.
Schleppen schwer übern Boden sich
Wolken. Drin mancher, der droht
mit den Träumen der Nacht.
Vor dem Unterweltstor eines
Lächelns Gesicht. Es verjüngt Dir
die Falten der Welt. Wie ein Falter
so nah. Gottes Wunder, und taumelt
wie Du.

  

1. Tag

 
Wie's vorrückt

Marmorn die Nadel, auf welcher
ich sprach:

Würdest legen zu Füßen mir
jedwedes Reich, mein Versucher,
ich würd’s doch nicht nehmen,
denn einmal gekrönt dieses Haupt,
würd’ es abfall’n, und
herrenlos wär jedes Reich.

Doch ich wollte mich setzen,
ein Blick noch zurück
in den Abgrund, so tief
unterm Haupt:

Und so hat mich die Nadel
gepfählt, ward gehärtetster Spieß
mir durch After und Maul,
wurde eklig beschmiert
alles edle Geäder, der
Schmierfilm auf Marmor
mein Ich.

Der Versucher hat’s nicht
kommentiert.

Doch die Krone verweigert
mein Haupt bis zuletzt.

Weit geöffnet, noch weiter,
schier endlos gedehnt, und
den Mund bis zum Bersten
gefüllt:

So verharr ich, Gefang’ner
des Marmors – zutiefst, wahrer
Herr nun, der Marmor in mir:

Und so schreibt sich’s hindurch,
schreibt sich’s fräsend mir rein,
schreibt sich vor, kommt, mit
endloser Langsamkeit mahlend,
hervor, mit der Nadel bricht’s raus.

 

Auf der Zinne von Zion

Wie auch immer Du,
dunkel, verloren und trostlos,
Dich nennst, der in Schergen,
in Büttel sich einfräst, der Knie
zertrümmert, auf Stufen das Mark,
und die haltlosen Knechte umfreit,
bis sie sabbern, hineinfährt der Liebe
ins heimliche Wölben, zu stürzen,
ein Schnipsen, die Stütze des Baus,
drum ihr schütterstes Schamhaar schier
umbläst, und blättert, gelangweilt,
im Buch, das entsiegelt, bespeit, was,
erbrochen, ich war – aber dennoch, zum
Trost Dir die Kerze, am Tage entzündet,
bei Licht, daß sie nie Dir die Flügel
verbrenne, die Federn, geschändet und
haltlos, im Fallen die Schwingen: 
So komm, und versuche mich nicht.

 

10. Tag

 

Erde spricht

Alle die/ wissen‘s nicht.
Keiner weiß/ daß ich hier.
Selbst vor Dir/ keiner weiß.
Inquisitor, sag: Ich.
Keiner weiß/ nicht mal wir.

Alle die/ wissen‘s nicht.
Keiner weiß/ kotzt kein Schlund.
Niemands Fluch/ kein Vulkan.
Inquisitor, sag aus.
Keiner weiß/ warum Du.

Alle die/ wissen‘s nicht.
Keiner weiß/ nicht mal Tier.
Gottes Vieh/ hallo Mensch.
Inquisitor, sag nichts.
Keiner weiß/ sage ich.

Alle die/ wissen‘s nicht.
Keiner weiß/ ständig Schock.
Immer Qual/ dauert an.
Inquisitor, sprich aus.
Keiner weiß/ Gottes Steiß.

Alle die/ wissen‘s nicht.
Keiner weiß/ was zerreißt.
Spann nicht auf/ Spei’s Dir raus.
Inquisitor, erstick.
Keiner weiß/ Wahrheit aus.

Alle die/ wissen‘s nicht.
Keiner weiß/ macht Dich graus.
Warum Du/ mich zerhaust.
Inquisitor, erbrich’s.
Keiner weiß/ wo mein Grab.

Alle die/ wissen‘s nicht.
Wie mein Leib/ Dich begrub.
Keiner weiß.

 

Katakomben

Bald, bald tot.
Bald eingehakt die lichten Leiber.
Kata cumbas, eingehakt die kleine Hand,
die lange schon aus eingetiefter Höhlung ragt
und Tuff. Kommt mit, das Paradies ist vogelnah!
Solch Höhlenlabyrinth nur dunkel, weil des Herzens
Laich verborgen abgelegt. Drum was wir glauben,
nur aus Philosophenplausch in Kleidern, irdisch bleich,
doch längst schon Korridore lang so himmlisch weiß.
Kommt mit, wir stehen auf: Bald tot! Dann
sind wir alle da, und singen uns aus Unterwelt
zu allen Himmelsstraßen auf mit Kraft, die uns
die Erde bricht und jedem neuen Ohr den neuen Gang.
Kein Auge hat gehört, wie tasten sich das Mahl
schon läßt, gleich schmecken wird der Wand
der Liebespfauen Überschwang im Auge sanft.
Der Katakomben Herr ging grade aus – und ließ uns
frei dies große weite Land. Der Liebe Grüfte warten nur.
Drin wir. Und eingehakt im unsichtbaren Licht.
Wie scheu der Knochen blinkt! Der Leichen Saft
ein Sperlingsteich. Die Gänge leben. Tot nur wir.

 

18. Tag

 

Paradise lost

Marrakesch, Jardin Majorelle

Dies muß Dein Zaubergarten sein, dies
muß sein Herz, die Weltenmitte sein,
so rat mir nur, wie ich ihn wässern soll,
und seine Pracht bewahren. Sag mir, wer
Dich lehrte, ihn zu pflanzen vor der Zeit,
und wer Dich hieß, in Dämmerschlaf sie
einzuwickeln, seit uns Gott nur Äcker läßt
und Stein: Als trotzte nur Dein weicher Brunnen,
all sein Überfluß und Tränken, unserm
öden Alltagseggen und den Ränken böser Last.
Bereit der Blumen Unschuldsdüfte und der Vögel
Neugesang, als krönte noch zur hohen Nacht
mich Jubel Deiner Nachtigall, im Schweigen,
das den Bund verheißt, und Stille, die
den Grund bewahrt.
Wie zierlich mir gebahnt die Wege, ach, wie
klopfend, spielend rasch vor Bänge all der
Mittagssonne Flecken, die im Unterholz verteilt.
Verweilen nur, verweilend Staunen, zählen
ohne Maß mit Tränen, bis die Arche kommt
und wartet. Keine Pflanze blieb vergessen,
selbst die Wehmut ward gesät – so regneten von
weisen Bäumen Samen der Unendlichkeit.
O daß mir nicht zerrisse gleich des Augenblickes
Rankensproß, auf daß verwüchsen Aug und Ohr
noch mit dem kleinsten Keim von Dir:
Als biete an sich selber, gäb sich hin und schenkte,
das mir längst verloren, meines Traumes Eden,
Paradies voll Segen, meiner Seele Schatz.
Doch sah ich jäh, wie sehr Dein Herz verwundet,
daß des Zaubers Kraft und Wunder, daß die Blume,
die inmitten, mir gebrochen vor der Zeit und welkend,
wie des Gartens Zier sich neigte, schönes Herz,
aus Blüten blutend, träumend noch von späten Beeten,
gar von Bänken leise lächelnd, winkend, daß noch
Samen blieben, bis mich dann ein Engel traurig
aus dem Garten sanft vertrieb.

 

Begleiten

Und als er fünfzig war, und
seine Jahre gingen hin zur Nacht,
da sandte Gott ihm einen kleinen
Engel, der nicht wich, der fehlbar
war und dennoch prangte auf
mit Sonnenflügels Sternbesatz,
sich täglich Strahlen lieh
aus des Gewölbes Himmelsrund
und Kreis; doch wenn er in die
dunkle Kammer ging, dann
wartete er an der Tür und wies
mit seines Leuchtens Licht ihm
seinen Weg zurück bis an den Tag –
wenn alles hell wie auf den hohen
Wiesen war, dann flogen sie
gemeinsam auf. Und wurden alt,
wie jung der Tag.

 

20. Tag

 

Und wohnte unter uns

Eine nackte Frau
im Haus der Wannseekonferenz.
Ein Photo, selbstverständlich.
Schäm mich, drin schon, draufzu-
schaun, das Lid ihr frei und offen.
Jedes Auge muß befingern
sie, betasten mit den Wimpern –
wachsen sich zu Zeigern aus,
denn oberflächlich reicht es nicht.
Verdammtes Photo, gottesfern, 
aus Teufels Linse, foltergeil –
sich pornographisch reibt der eins:
Der Mensch genau um Zwölf.
Ich schäm mich auch, hier wegzu-
schaun, die Lider mir zu schließen ihr.
Ins Licht gezerrt, nichts unbesehn.
Nur Fleischbeschau, die Seele
defiliert, Appell. Schürft schieres
Leid, so tief man gräbt in Deinen
nackten Schoß, sein Schämen,
wund sich stiert die Brüste.
Etwas Unverschämtes tief in mir,
das hat sich nämlich Dir verliebt.
Und schämt sich, Du zu sagen.
Sollt‘ ich scheiden, Zeiger weiter,
wenig fort vom Unglücksort, steck
Deinem Blick mich bei, wenn lebens-
wund sich teilt der Tag, sei jetzt,
so in der Stunde meines Todes
Amen – allen, Dir, auch mir.
Ich habe Gott geschaut: Gefoltert,
wehrlos, weh und weich.

 

Liebe nach Auschwitz

Schwelle um Schwelle, Zug um Zug

Nimm in Händen Du
ein wenig Asche
von den Toten,
form den Opfern dann
die Schale aus zehn Leben,
streu aufs Haupt die Asche mir
zu tausend Liebesmonden –
denn den einen Tag, den
muß ich stets draus schreiben,
brauch die Hand,
den Segen Dein,
so aschereich an Jahren.

Liebe machen drauf,
draus Jüngstes schöpfen, schaffen,
lieben Haut mit Scham und
Haaren, reiben uns
zum Schlafen.

Schreib ich dann
den Segen hin mit Asche,
die aus Haaren,
Krümelchen zu formen
liebevoll zu Paaren:

Nimm.

 

28. Tag

 

Übergabe

Der Bücher Goldmund, Leder stumm,
kein falscher Staub, kaum müdes Holz –
bloß Rücken, ehrfurchtsvoll und krumm,
noch Schwüle, statt der Sichel Stolz.

Zypressen starr im Abenddunst,
kurz glimmt die Mauer, Wachtturm glüht –
entfallen gleich der Sonne Gunst,
ein Mosaik, das nie mehr sprüht.

Viel Lettern blättern hin und her,
versammelt noch der alte Chor –
aus Instrumenten schweigt es schwer,
doch Omega singt Alpha vor.  

Ein Buch, genommen, leg ich fort,
was Töne tragen aus dem Haus –?
Der Schwaden Schwur gilt jedem Hort,
schon krümmt der Mutter Lied sich kraus.

Schon alt ein Mond, der Briefe schont,
der neue bleicht sie aus im Licht –
des Morgens Bresche wird belohnt,
selbst nachts tagt grell das Hochgericht.

Von draußen sengt ein neuer Tag,
was wehren, statt entgegen gehn –?
Zuvor, tief drin im Rosenhag,
zum Mond den Bosporus verstehn.

Byzanz, am Abend vor dem Fall.

 

Kommen und Gehen

Schließ nicht heftig die Türe beim
Ausgang, behutsam verlasse ein Haus,
tu, als kämest Du eben erst an.
Zieh nicht zu den verbindenden Spalt:
In der Tür klemmt ein Lächeln, ein
schmales Gewand. Sogar emsiges
Huschen von Nagern ist hörbar, wenn
einer sein Schreiten verlangsamt.
Zerkleinern zwar Lächeln und Fetzen
zum Vorrat der Brut: Doch was willst
sie erschrecken mit Schlüssels Geklapper,
dem rasselnden Schloß? Laß die Kleinen
doch kommen, und nehmen den Rest.
Dafür reicht doch die Zeit.

Lehn die Tür einfach an, an den Pfosten
Dich an, die verbindende Straße Dein
träumender Leib, schon behutsam, fast
zärtlich, von unten benagt, während oben
ein Lächeln noch anhält den Gang.
Schlag die Tür nie ins Schloß, vielleicht
hörst Du den Ruf.

Etwas später wird Staub liegen, Huschen
geht weiter, kommt Abend, kämmt Morgen
sein Haar: Denn die Tür steht jetzt offen,
im Licht.

 

35. Tag

 

Symbole am Kreuzweg

Es brannten noch Kerzen.
Gebreitet der Dom
wie die Arme
vom hohen Triumphkreuz.
Verklungen die Zähren
der alten Passion,
doch aus niemandes Spiel.
Weiße Seelen,
ein Mauerwerksflehn.

Denn war niemand darinnen,
der solches verstund,
voller Wonne vernähme,
wes Geistes sein Herz.

Letztes Licht der Symbole:
Ihr Warten im Traum –

Bis der Kreuzwald uns schweigt.

 

Glorienschimmer

Splitter aus Reims

Wie licht ist Dein Herz,
und wie dunkel erglüht es!
Wie leise die Töne,
doch jeder aus Erz –
stockt erblauend mein Atem
vorm Rot, das mich trifft.

Im Schoße des Lichts
schon entkleidet zur Krönung,
durchdrungen von Dornen,
der Rose den Kuß –
noch im Durchstoß der Lanze
Lanzettfensters Strahl.

Zu Tode gesiebt,
um im Schmerzpunkt zu schmelzen,
ein strömendes Sandkorn,
zerfließ ich ins Glas –
mich in Glut zu erstarren,
und göttlichen Bluts:

Aus Tönen des Lichts
meinen Leib Dir zu dichten.

 

38. Tag

 

Erinnerung an Edfu

Ich kam in mein Heiligtum, dort, wo ich diente.
Ich kehrte zurück und erkannte das Meine,
die Meinigen mich, der vor Zeiten ich diente,
sie grüßten, Äonen verleugnend: Denn dort,
wo ich diente, war alles wie einst und wie ich.
Auch die Barke stand fest wie der Schrein.
Doch zerstört aller Aura das Auge, zerfressen
von ätzend zernagender Zeit.

Sieh Du an nur Dein Auge in mir, Bruder Horus,
mein Herz ist Dir Barke und Schrein.
Und ich tat meinen Gang, um zu dienen:
Osiris sonst ewig geschändet, der Tote beschützt.

 

Sonnengesang aus dem Tempel von Karnak

Amun: Meiner Seele Du Klang und ihr Sog!
Steht als Rad Dir mein Herz hoch in Flammen,
hebt an, Dich zu halten im Sonnenwindstaumel!
Mein Herz schlägt Dir, Re, Deinen Aufstieg und Kreislauf.

Amun klingt der Schatten im Tempel,
schallt, uferlos brennend, das Herz kühlen Feuers
zurück, denn, Amun: Aus dem Hochwald der Säulen,
dem Dämmer des Lotusgebüschs flattert auf Dir
mein Herz wie der Wimpel am Tempel.
So strahlengefiedert will prangen der Vogel zu Mittag,
schon falten sich trauernd am Abend die göttlichen
Schwingen, amun sinkt es nieder, bis Schwerklang
die Seele erinnert:

Sie faltet nun eilig die Barke
zum Betten der Nachtfahrt, amun reist sie,
ziehenden Lautschlags, durch jegliche Kammer.
Leg ab meine Sonne, leg alles ins Herz, das, Dich rufend,
schon trägt im gepechten Gefieder, Amun, Amun-Ra:
Dich empor durch die Pforten des Traumbuchs
ans Flimmern des Tags, wo amun alles Licht.

Suchen


NEU ERSCHIENEN

ZAUBERWELT - Beethovens Klaviersonaten

Neu erschienen im Athena-Verlag ein Bändchen mit 32 Gedichten und einem Essay zu Beethovens Klaviersonaten:

ZAUBERWELT
Eine lyrische Begegnung mit Beethovens Klaviersonaten
Gedichte

» Mehr Informationen

Zum Anfang