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Gedichte aus »Das Göttliche Spiel«

Te Deum

Gott, Du bist,
größer als alles,
die Liebe, gebierst
sie uns ein, die wir,
wiedergeboren,
einander erküssen
in Dir. Machst Dich
klein, bis, umfangend
das Liebste, wir
staunend erfahren, wie
groß und unendlich,
entlassen in Dich,
das sich eben noch  
sperrende Ich.
Wie es wahr wird,
erschaffend sich
Auge in Auge in Dir,
der sich groß macht,
mit wärmender
Stärke verlängernd
mir Arme und Hände,
sich hinstreckt, hinein
in die Finger, bis
hinreicht, geliehen,
mein Leib, zu umfangen
das Liebste, in dem
Du Dich zeigst.
Du bist größer als
alles, gewaltig im
kleinsten der Maße,
dem zierlichen Leib,
ihrem einen, in dem
Du Dich hingibst,
in Liebe, für mich.
In der Liebe vereint,
will ich preisen, in
Dir nur Dein Werk.

 

Stadien

Du lagst bewegungslos an Schläuchen,
hilflos, fest. Gleich reglos fest Dein Blick, zum
Bersten schon mit Liebe angefüllt, auf mir,
der’s nie begriffen hatte, als noch Zeit, und lief.

Reichst hin zur Lese Wissen später Früchte,
reif. Hast auch die Höhle mit den Edelsteinen
– Hälfte für die Druse – schon gezeigt an
eines späten Tages Sommerscheu.

Tagauf  Gestricke lösen, lesen uns vom
Tode vor.

 

Verlassen

Für Dich hätt’ ich Städte verschont
und die Jahre gehütet wie Lämmer;
für Dich hab ich Meere geteilt:

Denn für Dich war mein Herz eine Weide:

Verheert aller Flieder, versengt
liegt mein Gras und die Träume verdursten;
für Dich hatt’ ich Quellen im Stein:

Denn Dein Herz hütet Kraft für ein Wunder:

Dein Herz würde schenken die Stadt
und den Schlüssel zum Haus der Gerechten,
versenken die Ringe ins Meer:

Denn mein Herz hat geglaubt mit den Lämmern:

Warum hast Du Wunder verkauft
und das jüngste an Jahren geflutet?
Und Ringe verkrusten im Salz

Ach, Dein Herz sah sich um und erstarrte:

Verlor auf der Weide vom Bund,
was noch aufschließt versunkene Städte
mit Lagern, wo wehrlos, was glaubt:

Doch für Dich bleibt mein Herz eine Wunde.

 

versenken die Ringe ins Meer – alljährliche mystische Vermählung des Dogen mit dem Meer in Venedig

 

Abfluß

                                                                                           Santiago de Cuba                                                                                                        
Es regnet in den Menschen.
Wie kleine Hunde stehn sie
ratlos an den Ecken,
und erste Ströme rinnen
unter ihnen durch.
Es regnet alte Sonnen
und Lieder aus dem Radio,
schon treibt mein kleiner Stern
vorbei.
Es regnet tropisch träge warm.

Und ratlos an der Ecke,
silbrig, griesig, grau,
zwei längst vergossne Träume –
verschwommen, auf dem Strich.

 

Mondzug über Perugia

Jahrhunderte dampfen gen Abend,
Parcours der verschütteten Träume,
die mühsam Verbauten heut steigen,
denn rot springt es auf, das ersehnte,
das einzige Auge des Himmels,
der Mond, mit den Träumen gewandet,
die glutig aus Grüften und Gräbern,
umwandelnd den Steinring, er zieht.

Drin rühren mich an die Geträumten,
zur Linken die Hand des Etruskers,
wie rechts die kaum atemlos Deine,
nichts presse das Rot aus dem Mond.

 

Brutstätte

Mein kleiner Friededämon leise wispert:

Atme Deine Sorge aus, hauch aus,
wenn atemlos Du liebst: Du atmest
einen guten Tod.

So seh ich paarweis endlos fortgekurvt
sie auswärts ziehn, die kahlen Schneen-
kuppen hin nach immer fernem Moskau,
schwarze Nadeln, ausgetriebner Pesthauch,
flockenstechend gramgebeugt.

So zeig ich meine Hütte, Liebste, Dir,
tief unten an den Fluß gebaut, wo stilles
Wasser steht und Mückenpärchen stechen,
weis’ mein Domizil Dir, Türen, Fenster offen:
Nichts mein Gut, hab Habe nicht, kenn
Straßen nur des Winds, sie ziehn hindurch.

Und Du bringst meine Sorgen mit,
und hauchst sie aus: Der Fluß beginnt
ganz leis’ zu zittern, Mückenpärchen tanzen,
überleben: Schnee fällt niemals hier.

 

Apokryphe aus Salomon

Wie wirst Du mir schön,
Du mein Reh, das den Sturm
und das brechende Wettern
erwartet der kommenden Zeit!
Welcher läßt Deinen Garten,
er gleicht nicht dem alten, der kam.
In der Luft bleibt ein Zittern,
die Nüstern des Himmels sind nah,
und sie wittern das niedergetretene
Gras, wie sie trinken den Duft
aus der traurigen Spur.

Von den Weiden will keine ich
weisen für Dich, denn mein Reich
ist von ferne und wild. Doch ich
werde Dich finden, wenn – siehe,
am Horizont leuchten Gewitter –
Du Deine gefunden, und Bäche Dir
Spiegel des Glücks widerweinen, 
geflossen aus Dir in die Welt.
Wenn der letzte der Halme sich
aufrichtet ganz, werd’ ich da sein,
erneuern die läßliche Spur, und Dich
schön finden, Reh vor dem Sturm.

 

Sehen und sterben

Laß mir den Nachen vor Angkor,
gewähr mir die Barke von Luxor:
Ich träume hinüber und treibe –
Venedig, mein Nebel aus Nichts:

Der ich lasse mein Leben zur See.

Irawadi, so unbekannt strömend,
sei mein, Karakorum, vorm Tode:
Bin Felsengefinger wie Abrieb –
Gebetsfahne, Fetzen, der singt:

Der ich kiesel mich liebend Dir hin.

Laß mich Segel der Wüste noch setzen,
mich tänzeln auf Seerosenspitzen:
Mein Schlaf ruft nach Erdengewittern,
erwachend bebt nach jeder Stoß:

Der ich langsam mich lebe Dir ein.

 

Minutenlang höher

dem Johann Sebastian ein Ungläubiger

Komm mit herein,
zur Passion, in die Wunde,
den Aufschrei, Dein Zweifeln zu
legen, Dein Ohr in den Eingangschoral:

Denn solch Liebesverlangen, ich
müßt‘s mir nur glauben: Käm über mich,
blieb’ sie, die Lieb’ – würd’ ich gläubig,
käm einfach Fermate zum Nu –:
Solch Orgasmus, wer hielte dem stand?
Kann’s nicht glauben, o nein, solch
Orgasmus, mein Herz, höre hin, hör das
Beben, dem hielt ich, so hör doch, dem halt
ich nicht stand, reich nicht hin für Minuten –
mein Jesu, ach, hieltest Du aus meiner
Ewigkeit Angst, hieltest stand, voll Geduld,
meinem zapplig Gezage, voll Wissens,
wie stolpert ein Herz, wenn Verlangen –!
Folgt nach, voller Zweifel, geht nach
solcher Lieb’, für Sekunden, mein
Köpfchen, klopft mit auch mein Herz,
schau mal an, klopfte unschuldig mit:
Käme jetzt, wär‘s nur möglich, ein solcher
herein, klopft es vor, wär ich ärger versucht:
Ach, mein Herzblut, so müßte ich’s glauben –
er klopfte, käm liebend hinein Dir ins
Hämmern, mein Herz, daß Du schlügest
wie nie, bis zum Himmel entflammt,
hieltest stand?
 
O mein Gott, fließt Dir endlos ein Strom,
schriee Hörbares mit nur ein Paar, auf
den Knien, polyphon, tief verschlungen,
Passion.

 

Späte Liebe

Lagst schlafend vorm Altar.
Ich betete um Liebe, Kraft.
Lagst schlafend vorm Altar.

Kommst spät mein Kind, und
donnernd früh, Du große Frau
kommst spät.

Jetzt zählen Wahrheit nur,
und Leben, Liebe, Kraft.
Zählt letzter Schritt, der Blitz.

Liegst schlafend vorm Altar.

Was komm ich spät zu Dir,
kriech früh aus meinem Grab,
da schau, mein Kind, noch
offen ist’s, bin später Dir Dein
Tod.

Liegst schlafend vorm Altar.

Wirst frohgemut entgegengehn,
wenn früh der Tag, der Engel
wacht, mir später einst im Mai.

Leg schlafend mich zu Dir.
Ich bin Dein Tod, Du meiner
mir. Drum schlafen wir, mal
hier, mal dort, auf eines Steins
Altar.

Wir liegen dort und zeugen lang,
bis er sich wegbewegt.
Altar und Krypta, Licht.

Kennst Du das Wetterleuchten
nicht?

 

 

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